Vorgeschichte

Hier beginnt unsere Reise durch die Vergangenheit. 

Der erste Zerbster Stadtherr Richard von Zerbst errichtete möglicherweise schon vor 1200 auf seinem Eigenbesitz im Ankuhn ein Armenhospital. Er folgte damit einer Zeitströmung, Das Gebiet des Ankuhn war damals ein schon relativ geschlossenes Siedlungsgebiet vor den Toren der Stadt

Diese Gründung wurde im Jahre 1213 durch Bischof Balduin von Brandenburg mit Zustimmung der Brüder des Richards von Zerbst, dem Heinrich von Plaue und  Gumpert von Wiesenburg sowie im Beisein der drei Zerbster Pfarrer Balduin, Daniel und Vollrad bestätigt.

Richard von Zerbst hatte das Hospital ausreichend ausgestattet. Reinhold Specht benennt in seiner "Geschichte der Stadt Zerbst" die Ausstattung mit "24 Morgen Wiese dicht bei dem Hofe des Hospitals, 1 1/2 Hufe Ackerland, 3 Gärten mit (Obst- ?) Bäumen bei Ankuhn, Getreidegefälle und 2 fette Schweine aus der nahe bei dem Hospital gelegenen Mühle (Ankuhnsche Mühle), den Teich bei dieser Mühle mit der Fisch- und Grasnutzung, ferner Getreidefälle aus den Dörfern Hohen- und Niederlepte und aus Stackelitz (alle Orte heute noch existent) sowie das Weiderecht in der sogenannten "Muchel". Dem Hospital stand ein Provisor vor.

Trotz der guten Ausstattung stand das Hospital bald wieder vor dem Ende.

Die edle Frau Ida, Witwe des Richard von Zerbst wandelte das Hospital zu unbekannter Zeit in ein Nonnenkloster um. Derselbe Bischof Balduin von Brandenburg bestätigte diese Umwandlung am 09.Juni 1214. Seitdem gilt dieses Datum als Gründungstag des Klosters.

Wahrscheinlich wurde das Kloster als Versorgungsstätte für die Witwe selbst und die weiblichen Nachkommen derer von Zerbst gegründet.

Die Ankuhner Marienkirche wurde Klosterkirche

 

Ankuhnsche Marienkirche heute

Heute ist die ehemalige Ruine der Ankuhnschen Marienkirche liebevoll saniert, wie Sie sich anhand der Fotos überzeugen können. Sie ist dank des großen freien Platzes gut sichtbar. Das Hallenschiff ist offen. Ein Teil der Kirche ist überdacht und bildet so einen geschlossenen Raum. Insgesamt lädt das Ensemble sehr zu einem Spaziergang dorthin ein. Vielleicht haben Sie Glück und können sogar an einer der Veranstaltungen teilnehmen. Ich versuche, sie auf meiner Seite mit entsprechenden Links zu informieren

Entwicklung des Klosters

Über die Frühzeit des Klosters kann kein klarer Einblick in das Wirtschaftsleben gegeben werden.

Jedoch entwickelte sich das Vermögen beständig weiter. Schenkungen und Übereignungen von Geld, Zinsanteilen, Grundbesitz und Nutzungsrechten, ja oft auch ganze Dörfer ließen das Kloster so reich werden, dass es selbst seinen Besitz durch Zukäufe vermehrte.

Im Bild links sehen Sie das Gebäude der um 1355 erbauten Frauenmühle, die sie noch zu besonderen Anlässen besichtigen können.

Umzug des Klosters in die Stadt

Irgendwann zum Ende des 13. Jahrhunderts ließen die Nonnen ein neues Kloster am Ostende der alten Breite-Siedlung errichten. Am 28. Juni 1298 befreite der Zerbster Bürgermeister und der Zerbster Rat das Kloster von den städtischen Abgaben. Dies gilt seitdem als Gründungsdatum. Wenig vor diesem Datum mag der Umzug erfolgt sein.

Wahrscheinlich suchten die Nonnen hinter den neu entstandenen Stadtmauern mehr Sicherheit als draußen im Ankuhn. In deutschen Landen machten die Raubritter mit allerhand Fehden das Leben schwer.

Die Nonnen wohnten am neuen Ort um die 250 Jahre. Das alte, am Ende der Breite befindliche Stadttor wurde in Frauentor umgetauft und der Platz vor diesem Tore heißt noch heute Frauentorplatz.

Die Bilder rechts zeigen das Frauentor vom Stadtinneren (oben) und von außerhalb (unten) um 1750 

Klosterhof

Zur neuen Klosterkirche St. Marien wurde vom Bischof eine eigene Parochie errichtet. Diese umfasste das Gebiet der nördlichen Breite von der Mühlenbrücke bis zum Breiten-Tor einschließlich der Frauenmühle und auf der südlichen Straßenseite das Gebiet des heutigen Kleinen und Großen Klosterhofes mit dem Kloster selbst, der Kirche und dem Wirtschaftshof. Namentlich werden auch 9 "nach der Bartholomäikirche hin liegende Hofstellen" genannt.

Vielleicht ist damit das Kleinste Haus von Zerbst auch eines der ältesten. Leider kann dafür kein Beweis angetreten werden. Verbaute Ziegel im Klosterformat können auch aus Abbruchmaterial untergegangener Gebäude stammen. Allerdings ist der Zusammenhang von verbauten Feldsteinen im Bereich der "schwarzen Küche", dem riesigen Schornstein im Kleinen Haus und die reichliche Verwendung der großen Ziegelsteine schon bemerkenswert. Auch heben die Bauingeneure Gebhardt und Gebhardt in Ihrem Sanierungsvorschlag hervor, dass das Gebäude Großer Klosterhof 8 eines der markantesten des gesamten Klosterhofes ist: Einmal durch seine geringe Größe von ca 5,60 m Giebelbreite mal 6,0 m Länge und die nur 2,10 m betragene Traufhöhe. Außerdem ist es das einzige giebelständige Gebäude in diesem Bereich.

Im Bild links das Frauentor, wie es sich von ca 1990-2022 präsentierte- grau, verschmutzt und mit abbröckelndem Putz (Zufahrt in das Stadtinnere).

In  der Galerie unten verschiedene Zugänge zum Gebiet der  früheren Parochie und zu den Klosterhöfen

 

 

 

Blütezeit

Im Jahre 1309 wurde die Ankuhner Marienkirche der Marienkirche des Nonnenklosters in der Stadt unterstellt. Die alte Mutterkirche wurde Filialkirche.

Die Bedeutung des Klosters für die Stadt stieg beständig an, unterhielt es doch in seiner weltlichen Umgebung umfangreiche Wirtschaftsbeziehungen. Heute würden wir sagen: Das Kloster entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen Schwergewicht der Stadt und des Fürstentums.

Zum Ordensverband der Benediktinierinnen  unterhielten die Zerbster Nonnen aber wohl nur die minimal notwendigen Beziehungen.

Viele Zerbster Bürgernamen tauchen im Verzeichnis der Nonnen und Laienschwestern seit der erstmaligen Erwähnung im Jahre 1315 auf.

Im Bild rechts der Frauentorplatz nach der Sanierung  2024 und der Schaffung moderner Schulräume für die Sekundarschule der Stadt.

Bis etwa zur Mitte des 14. Jahrhundert scheinen im Kloster adlige und bürgerliche  Namen gleich stark vertreten.  Seitdem überwiegt das Bürgertum.

Oft kamen die Nonnen aus wohlhabenden, zumindest gut situierten Familien und wurden von Ihren Familien bei Eintritt in das Kloster gut ausgestattet. Oft verfügten Sie im Kloster weiterhin über Privateigentum. Nach ihrem Tode fiel dieses Eigentum zum Teil an die Verwandten, aber auch zum Teil an das Kloster und mehrte dessen Vermögen durch diese Zugänge.

Das Vermögen wurde aber auch durch Schenkungen, Abgaben, Zinsen, An- und Verkäufe ... Es entwickelte sich zum reichsten der drei Zerbster Klöster.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gehörten dem Kloster 5 Volldörfer und 5 wüste Dorfmarken im Kreis Zerbst, dazu die Holzmark Herzwinkel, ferner zahlreiche  Eigenbesitze  in der Stadt und den Dörfern des Kreises Zerbst, im Ankuhn, den Kreisen Köthen, Dessau, weiteren Städten des Erzstiftes Magdeburg, im Kreise Jerichow und im Brandenburgischen.

Der Eigenbesitz bestand aus Acker und Wald, Gärten und Wiesen, Mühlen und Häuser, aber auch Pachten , Zinsen, Renten, Zehnten, Dreißigsten, Legaten, Auflassungen und Kapitalien.

Ein großer Teil wurde selbst bewirtschaftet.

1496 wurde der Viehbestand mit 60 Rindern, 100 Schweinen und 620 Schafen angegeben.

1507 ist das zum Kloster gehörende Gesinde, die "familia" mit fast 50 Personenangegeben. Darunter sind Hofmeister, Schreiber, Bäcker, Schreiner, Schirrmeister, Hirten für Pferde, Kühe, Schafe und Schweine, Futterschneider, Ackerknechte, Förster, Viehmägde.

Für die Eigenversorgung unterhielt das Kloster auf seinem (Kloster-) Hof eine Brauerei, Küchen, Molkenhaus, Ställe, Scheunen, Schäferei, Backhaus, Bierkammer und Badehaus. Gemüse wurde meist angekauft. Ob und gegebenenfalls wie unser heutiges Gästehaus damals genutzt wurde, bleibt im Nebel der Geschichte.

Dem Kloster gehörten zeitweise 3 bis 4 Mühlen in der Stadt und mehrere in anderen Dörfern.

Es erforderte eine gehörige Portion Geschäftstüchtigkeit des Probstes, dieses Vermögen zu verwalten und zu mehren. So waren die Zerbster Pröbste nicht immer für das Kloster zugleich Priester und Seelsorger, sondern öfter bloße Verwaltungsbeamte bzw. bezahlte Manager,

1507 sollen insgesamt 50 Jungfrauen (Nonnen und Laienschwestern) mit "Speise und Notdurft" zu versorgen gewesen sein. 1538 waren noch 24 Nonnen im Kloster.

Mit dem Kloster war die einzige Mädchenschule der Stadt verbunden (1371 erwähnt). Nachgewiesen ist, dass bereits 1326 Mädchen zur Erziehung im Kloster aufgenommen wurden. Um 1400 ist ein Schulraum im Gebäude der Probstei nachgewiesen.

Fotogalerie zu den Resten der alten Klostergemäuer

Wie wir im nächsten Textabschnitt zur Geschichte fortfahren , geht das Kloster zur Reformationszeit unter. Wir sehen heute nur noch Reste der Klosteranlagen

Reformation und Niedergang des Klosters

Seit Mitte des 15. Jahrhunderts bahnte sich eine schlechte Stimmung gegen die Kirche und die Klöster an.                                                                         Das Streben nach immer mehr Besitz, Bestechlichkeit, ungerechte Verteilung der Einkünfte und Verfall der Sitten in den Klöstern selbst trugen dazu bei. Das Zerbster Fembuch von 1490 berichtet von einer Nonne. Sie habe einer Frau aus dem Volke unzüchtige Dinge beigebracht. An diese Zeit des Nachlassens der Frömmigkeit und der Zunahme der Lasterhaftigkeit wahrscheinlich auch im Frauenkloster soll unsere Hausfahne erinnern, die den mittelalterlichen Zunftzeichen nachempfunden und als Nasenschild ausgebildet ist. Von vorn sehen Sie eine betende Schwester, Auf der anderen Seite der Tafel jedoch bietet sich ein völlig anderes Bild. Das schauen Sie sich dann am besten im Original an.

In den Bildern links zunächst der Entwurf zur Vorderseite der Hausfahne, Nach dieser Vorlage fertigte die örtliche Traditionsfirma Partheil mit Sitz gleich nebenan auf der Zerbster Breite in ausgezeichneter kunsthandwerklicher Qualität das Hauszeichen und auch die Aufhängung. Auch nach mehr als 15 Jahren der Nutzung und des ungehinderten Einwirkens der Witterung wirkt es wie neu angebracht. (unteres Bild)

 

 

Trotz vieler Versuche der Besserung verschlimmerte sich das Ansehen der Klöster weiter. Es mehrten sich feindselige Aktionen gegen die Klöster.          

Nach dem Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 in Wittenberg wurden in Zerbst Anfang Mai 1522 die Heiligenbilder vor dem Frauentor und im Ankuhn gestürmt. Am 18. Mai 1522 predigte Luther erstmalig in Zerbst.

Mitte März 1523 begann die Stadt Zerbst eine Inventarisation des Nonnenklosters (Erfassung der Vermögenswerte). Das Klostergut sollte eingezogen werden.

Luther selbst riet zur Aufteilung zwischen Rat und Fürsten, Schulen von diesem Vermögen zu errichten, aber auch den Nonnen einen Teil der Einkünfte zum Lebensunterhalt zu belassen. Es gab eine recht enge Beziehung zwischen Martin Luther und der Stadt Zerbst. Luther weilte öfter hier und wurde unter anderem auch mit dem Zerbster Bitterbier für seine Auftritte oder seine Ratschläge bezahlt.

Am 6. Juni 1525 ging der Rat zur totalen Ausschaltung des Nonnenklosters über. Zwangsweise wurden die Nonnen auf dem Klosterhof versammelt. Ein evangelischer Geistlicher predigte den katholischen Nonnen. Dann wurde ihnen vom Bürgermeister persönlich jegliche katholische gottesdienstliche Handlung verboten und mitgeteilt, dass die eingezogenen Kleinodien des Klosters nicht zurückgegeben werden.

Das Bild rechts zeigt die Erinnerungstafel an das Kloster St. Marien stadtauswärts rechts am Frauentor.

Im Bild links ein Ausschnitt des Gemäldes von Max Korn zur 900-Jahrfeier von Zerbst (1907). Es zeigt den  Empfang Luthers durch den Rat der Stadt Zerbst im Jahre 1522, als dieser erstmals in Zerbst predigte.

Am 3. Oktober 1525 wiederholte der Rat der Stadt eine solche Aktion der Versammlung der Nonnen. Mitgebrachte Fremde ließ der Rat evangelisch predigen: Seid fruchtbar und mehret Euch. Wer Jungfrauenschaft behalten will, mag es tun, aber wer das nicht will, mag sich verehelichen.

Etliche Nonnen verblieben im Kloster, bis es 1542 fast vollständig abbrannte. Zuletzt lebten 12 alte Nonnen im Kloster. Verletzt wurde beim Brand keine.

Auch Teile des Wirtschaftshofes fielen den Flammen zum Opfer. Das Schlafhaus der Nonnen übersteht den Brand und wird Kornspeicher.

 

Baustelle und Gründung der Klosterhofgemeinde

Um das große Gelände nach dem Brand nicht brach liegen zu lassen, schrieb der Fürst im Jahre 1546 für seine Untertanen 16 Baustellen auf dem Klosterhofe aus.

Die Baustellen waren  schnell vergeben. Die Zerbster aber spekulierten lieber mit den Grundstücken, als zu bauen.                         So wurde die Vergabe ein Jahr später wiederholt. Jeder Ansiedler erhielt Grund und Boden und Bauholz umsonst. Dazu wurde er 3 Jahre lang von allen Abgaben und Diensten befreit. Danach (Ab 1550) wären dem Fürsten der Frondienst, der Stadt die Bürgerdienste und der Kirche St. Bartholomäi der Schoß zu leisten. Die Klosterhofgemeinde mit eigenem Richter entstand am 20. Mai 1550. Sie gehörte zur fürstlichen Freiheit und wurde erst 1849 in die Stadt eingemeindet. Die Hausstellen waren dann auf 60 angewachsen. Die Bewohner des Klosterhofes entzogen sich später gern weiter den Diensten und Abgaben.

 

Winter 2026: Blick von oben auf  den Großen Klosterhof kurz nach  Abriss der letzten beiden Häuser der früheren zentralen Bebauung. Zu sehen ist im Zentrum nun ein großer zum Zeitpunkt der Aufnahme schneebedeckter freier Platz.

Eines der letzten Beispiele der früheren Bebauung mit kleinen und kleinsten Häusern, die dicht aneinandergeschmiegt gebaut wurden

1572 wohnten im Klosterhof 12 Ansiedler. Ihre Anwesen stellten kleine und kleinste Wohnstätten dar, die jeglichen Stils entbehrten und eher Hütten ähnelten. Der Klosterhof entwickelte sich zu einem Viertel der gering bemittelten aber fleißigen Bevölkerung. Viele Berufe waren vertreten.

1595 wurde ein neuer Friedhof vor dem Frauentor eröffnet. Bis zu diesem Zeitpunkt und auch noch später wurden die Toten der Bartholomäigemeinde auf dem Klosterhof begraben.

Bis in die jüngste Zeit stößt man insbesondere bei Arbeiten am tief liegenden Abwassersystem immer wieder auf einzelne Skeletteile, auf einzelne Schädel oder aber auch auf ganze Skelette aus der damaligen Zeit.

wird fortgesetzt

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